Sonntagspredigt zur Fastenzeit

Pfarrerin Johanna Bernstengel teilt mit uns ihre Gedanken zur Passionszeit: Wie sehr Gott uns unvollkommene Menschen liebt, trotz unserer Fehler und Ängste. Gerade in den Wochen vor Ostern machen wir uns bewusst, was Gott an Karfreitag für uns getan hat. Als Einstimmung darauf lesen Sie heute eine Predigt zu Johannes 3, 14-21 – dem Predigttext für den nächsten Sonntag, Reminiszere. (Am 28.02. finden Sie in unserem Blog dann stattdessen einen Familien-Gottesdienst.)

„Liebe Gemeinde,
die Passionszeit hat begonnen. Viele nutzen die 40 Tage vor Ostern zum Fasten. Und ja, auch ich habe mir einen kleinen Verzicht auferlegt, obwohl ich erstens weiß, dass ich das gar nicht muss und zweitens diese Fastenzeit entbehrungsreich genug für uns alle sein wird. Zu Beginn der Passionszeit müssen wir noch auf Gottesdienste verzichten. Eine Predigt gibt es selbstverständlich aber auch an diesem Sonntag für Sie und euch.
Einen gesegneten Sonntag! – Johanna Bernstengel.“

Das Evangelium für den heutigen Sonntag steht bei Johannes 3, 14-21. Dort unterweist Jesus einen Pharisäer mit dem Namen Nikodemus im Glauben. Der Text ist auch unser heutiger Predigttext und ich habe die neue Übersetzung der BasisBibel ausgewählt.

[Jesus erklärte] „Es ist wie damals bei Mose, als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab. Jeder, der an ihn glaubt, soll nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt. Vielmehr soll er die Welt retten. Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, ist schon verurteilt. Denn er hat nicht an den geglaubt, der Gottes einziger Sohn ist.
So geschieht die Verurteilung: Das Licht ist in die Welt gekommen. Aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht. Denn ihr ganzes Tun war böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht. Er tritt nicht ins Licht, damit seine Taten nicht herauskommen.“

Gott liebt diese Welt. Ohne Wenn und Aber.
So steht es im Text und in Aschersleben ist es auch manchmal groß auf Plakaten zu lesen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hergab…“ Und das tut Gott, obwohl diese Welt so viel Hässliches und Gemeines hat, auch viel Bösartigkeit und so viel Gemeinheit, Taktik und Egoismus. Nicht nur die Nachrichten sind voll damit (Denken Sie nur an das Hauen und Stechen um die Impfstoffdosen); die persönlichen Erinnerungen sind es auch. Denn leider merken sich viele Menschen die schlechten Erfahrungen sehr viel genauer als die guten.

Manche Menschen können mir wortgenau wiedergeben, mit welchen Worten sie von ihren Partnern verlassen wurden und können sich an jede noch so kleine Kleinigkeit in den Minuten danach erinnern, wie die Seife zum Händewaschen roch und welche Farbe das Handtuch im Bad hatte, mit denen sie sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt haben… Und neben den persönlichen Tragödien in der Welt gibt es ja noch die weltweiten. Ein Virus legt die halbe Welt lahm, die einen sind gestresst von der Doppelbelastung von Home-Office und Home-Schooling, andere haben Angst um ihre wirtschaftliche Existenz, die haben nicht nur Angst davor, dass sie in ihrem komfortablen Leben Abstriche machen müssen, sondern sie haben richtige Angst davor, dass sie ihre wirtschaftliche Existenz verlieren und zum Sozialfall werden.
Und in anderen Teilen sterben die Menschen an und mit Corona und vor Hunger, weil nicht nur das Virus tödlich ist, sondern auch die Gleichgültigkeit der Menschen, für die sie zuvor gearbeitet haben…

Gott liebt diese Welt? Ja, Gott liebt diese Welt und will seine Geschichte mit uns fortsetzen!
„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hergab, dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“
Gott liebt diese Welt und er will seine Geschichte mit uns fortsetzen, ja mit uns! Mit uns unvollkommenen Menschen. Deswegen schickt er seinen Sohn zu uns, damit alle eine neue Chance bekommen, eine neue Chance auf das ewige Leben, eine neue Chance das Böse mit Gutem zu überwinden (Psalm 34,15).

Im Evangeliumstext spricht Jesus mit Nikodemus, einem Mitglied des Hohen Rats und im hohen Rat kursierten laut Johannes-Evangelium viele böse Gerüchte über Jesus. Ob sich Nikodemus an den Gerüchten beteiligt hat, weiß ich nicht, woher auch? Aber Nikodemus belässt es nicht bei den Gerüchten, sondern redet mit Jesus. Und genau wie im es heute im Jahr 2021 im Lockdown gilt, so galt es schon damals: Direkt miteinander reden hilft oft, einander besser zu verstehen auch wenn es schwierig ist. Obwohl Nikodemus und Jesus die gleiche Sprache sprechen und aus derselben Religion und demselben Kulturkreis kommen, verstehen sie sich nicht so einfach, denn was Jesus da sagt, ist für Nikodemus hart zu hören.

Das kommt mir ganz schön bekannt vor, denn so viele Menschen verstehen sich auf einmal nicht mehr, also natürlich verstehen sie noch die Sprache und teilen gemeinsame Erinnerungen, aber es ist so, als sei ein gegenseitiges Verstehen einfach nicht mehr möglich. Und wenn man sich nicht mehr verstehen kann, dann sinkt die Sympathie natürlich… Ein bisschen so wirkt es für mich auch in dieser Geschichte, aber sie macht mir auch Mut, dass es aus dieser Situation einen Ausweg gibt.

Nikodemus hat sich sein ganzes Leben bemüht, alle Gesetze einzuhalten und ein Leben zu führen, das Gnade findet vor Gott, und jetzt hört er von Jesus, dass der Zugang zu Gott einfach ist, in seinen Augen viel zu einfach. Es geht um Liebe, die Liebe zu Gottes Sohn und den Glauben daran, dass mit ihm alles gut wird. Das ist für Nikodemus ungeheuerlich. Ich stelle mir vor, wie er empört lospoltert: „Wie bitte? So einfach soll das sein? Einfach nur glauben und Jesus vertrauen?“ Ja, was ist dann mit allen seinen Bemühungen in der Vergangenheit und mit dem, was er anderen gepredigt hat? Soll das alles nichts mehr wert sein?

Ich würde Nikodemus erklären, dass Glauben im Jahre 2021 ganz und gar nicht einfach ist, auch würde ich ihm sagen, dass ich ein Problem damit habe, dass er das kleine Wörtchen „nur“ verwendet, als sei Glauben irgendwie nur etwas Beiläufiges… Jesus erklärt das zum Glück viel besser. Er erzählt Nikodemus, dass er selbst in die Welt gekommen ist, um alle Menschen zu retten, nicht um sie zu richten. Jesus bringt Nikodemus und uns allen eine andere Wirklichkeit nahe. Er, der Gottessohn, setzt denen, die sagen: „So ist sie nun einmal, die harte Realität!“ eine andere Wahrheit entgegen. Allein (Das ist nämlich die andere Bedeutung des Wörtchens „nur“.) und nur allein durch Gottes Liebe kommt Jesus in diese Welt und leuchtet auch die dunkelsten Ecken mit seinem Licht aus. Und in diesen dunklen Ecken sieht man das Licht vielleicht besonders gut. Durch Jesus soll deutlich werden, was Licht ist und was Finsternis. Das kann richtig wehtun.

Man muss zwar keinen Richter mehr fürchten, aber wenn durch das Licht Jesu auch die eigenen Schatten und die dunklen Täler sichtbar werden, ist das für viele richtig schwer auszuhalten. Gerade, wenn man von sich selbst denkt, auf der richtigen Seite zu stehen und dann merkt, was doch alles nicht stimmt, und worin man mit drin hängt, sei es familiär oder global. Dann ist dieses Licht, von dem Jesus da spricht, vielleicht eines Fußes Leuchte (Psalm 119,105) aber sie leuchtet in keinem heimelich-gemütlichen Licht, sondern in einem grellen, entstellenden. Auch wenn da kein Richter ist, kann diese Leuchte schon so leuchten, wie bei Szenen von Verhören in alten Filmen… Dieses Licht kann uns regelrecht ausziehen und das ist nicht nur schön.

Dann ist hoffentlich jemand da, der barmherzig ist, uns Fehler und Charakterschwächen verzeiht und uns wieder ins rechte Licht rückt. So jemand kann helfen, dass wir die nackte Wahrheit über uns selbst erkennen mit all ihren hässlichen und ihren schönen Facetten und danach mit Gottes Hilfe neu starten. Barmherzig mit den Anderen, aber auch mit uns selbst.

Kann Nikodemus darauf vertrauen, was Jesus ihm erzählt hat? Haben die Worte, die er von Jesus gehört hat, auch am nächsten Tag Bestand? Kann er dem trauen, was er da erfahren hat? Auch das wissen wir leider nicht über Nikodemus. Nikodemus hätte jedoch viel Mut gebraucht, um gegen seine bisherigen Überzeugungen nach Jesu Worten zu leben. Immerhin war er Mitglied des Hohen Rates und hatte sein ganzes Leben lang etwas ganz anderes gelernt und gelebt gelernt, als er es in dieser Nacht gehört hatte. Und auch wenn Nikodemus seine Ansicht vielleicht nicht geändert hat, so gibt mir diese Geschichte Mut, denn Jesus redet mit einem Ewiggestrigen, ohne sich zu verbiegen. Keinen Millimeter weicht er von seiner Position ab und begegnet seinem Gegenüber trotzdem in Liebe und Respekt.

Ich sehe in der kälter und dunkler werdenden Gesellschaft zwei Gefahren: Die erste Gefahr ist die, dass wir uns respektlos anderen gegenüber verhalten und nur noch „von denen da“ reden; die andere Gefahr ist, dass wir nicht widersprechen – weil wir respektvoll und nächstenlieb denen gegenüber sein wollen, die uns zerstreuen.

Ja, das kann Angst machen, Angst vor der Konfrontation, aber auch das Gegenüber braucht richtig viel Mut um zu sagen: „Da habe ich mich geirrt.“ Um die Angst zu überwinden, die uns so oft im Leben hindert, einen nächsten Schritt zu gehen, braucht es viel Vertrauen und Zuversicht. Gedenke in aller Angst und in allem Mut daran: Gott liebt diese Welt. Und wenn Gott diese Welt liebt, dann liebt er auch die Ewiggestrigen, dann liebt er auch die, die wir hängen lassen. Und er liebt uns. Und weil Gott diese Welt liebt, ist sie nicht verloren. Niemals.

Gottes Liebe zur Welt ist aber auch ein Auftrag an uns. Vielleicht hören Sie sich an dieser Stelle das Lied unter der Nummer 409 in Ihren Gesangbüchern an: „Gott liebt diese Welt. Wohin er uns stellt sollen wir es zeigen“.

Ja, leider stimmt es: Wir erinnern uns meistens besser an die schrecklichen Erlebnisse unseres Lebens und auch das letzte Jahr wird vielen von uns in schmerzhafter Erinnerung bleiben. Aber es gibt auch die schönen Erinnerungen. Jede und jeder von uns hat sie. Sie sind in uns. Gott liebt diese Welt und er liebt uns. Ohne Wenn und Aber.

Amen.


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