Gegensätze ziehen sich an

Herr, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Amen.

„Gegensätze ziehen sich an“. Gemeint sind mit dieser Aussage Menschen, die erkennbar unterschiedlich sind und sich mögen. Ich will den Gedanken aufgreifen und vielleicht in eine ungewöhnliche Richtung weiterdenken. Wenn Gegensätze auf Dauer miteinander zurecht kommen wollen, müssen sie harmonisiert werden. Das verlangt Arbeit und Verständnis. Ich nehme ein Beispiel: Leidenschaft und Gelassenheit. Sie bilden einen deutlichen Gegensatz. Ich kann mich mit großer Leidenschaft einer Sache, einer Aufgabe widmen, die mich voll in Anspruch nimmt. Voll schöpferischer Unruhe, tiefster Überzeugung und unermüdlicher Hingabe gehe ich ihr nach. Auch in Gelassenheit kann ich mich dem gleichen Ziel widmen und diesem mit Energie und Überzeugung nachgehen. Auf dem Weg zum Ziel kämpfe ich nicht. Es folgt in Ruhe der nächste Schritt. In großen Schwierigkeiten suche ich Stille. Habe ich doch erfahren, daß mir wirklich Wichtiges geschenkt ist. Der Leidenschaftliche und der Gelassene können zwei Menschen sein. Es können aber auch zwei unterschiedliche Kräfte in mir sein. Daß diese beiden Kräfte fähig sind, einen harmonischen Gegensatz zu bilden, zeigt sich daran, daß das eine Gute, die Leidenschaft, das andere Gute, die Gelassenheit achtet und als Zugewinn und Segen begreift. Die einsame Leidenschaft, die nichts von Gelassenheit weiß, ist einfach nur Fanatismus. Die einsame Gelassenheit, die keine Leidenschaft bewegt, ist schlicht Gleichgültigkeit. Der Gleichgültige setzt sich für NICHTS ein, der Fanatische setzt ALLES aufs Spiel. Der Gleichgültige käme nie auf die Idee, etwas Wertvolles aufs Spiel zu setzen, sich für eine Sache einzusetzen, die über die eigenen Belange hinausgeht. Was ihn nicht berührt, ist ihm gleichgültig. Er sieht sich, das genügt. So ist er sich selbst verhaftet. Der Fanatische gibt sich mit nichts zufrieden. Er ist besessen von einer Idee und blind gegenüber allem, was dem nicht entspricht. Er sieht die Missstände, die es in seinen Augen zu überwinden gilt. Er glaubt, alles hinge von seinem Einsatz ab. Auch er sieht letztlich nur auf sich selbst. Auch er ist sich selbst verhaftet. Fanatismus und Gleichgültigkeit bilden ein Wortpaar. Sie sind das abgestürzte Spiegelbild aus Leidenschaft und Gelassenheit. Der Unterschied: Die innere Leblosigkeit. Jeder bleibt sich selbst verhaftet. Das Wesen abgestürzter Gegensätze, die die Nähe nicht suchen oder gar fürchten, ist Entfremdung. Harmonische Gegensätze nehmen stets entschieden Bezug. Leben in harmonischen Gegensätzen – wenn das gelingt, gelingt das Leben.

– ein Text von Pfarrer i.R. Gerhard Hampel


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