Solange ich das Loch nicht sehe…

Es ist halb acht Uhr abends. Emmi soll ins Bett. Und sie soll vorher Zähne putzen. Das ist wichtig. Papa erklärt, dass das Zähneputzen die kleinen Zahnteufel vertreibt, die die Erwachsenen Karies nennen. Wenn man die nicht vertreibt, bohren sie Löcher in die Zähne. „Das glaube ich nicht“, sagt Emmi. Kann sie sich nicht vorstellen: Kleine Männchen – in meinem Mund?! Sie geht mit der Zunge die kleinen Milchzähne entlang. Ob sie die Männchen damit bei der bösen Arbeit stören kann? „Emmi“, sagt Papa da wieder, „Putz jetzt Zähne. Ich helf dir auch.“ „Ich putz keine Zähne! Da sind keine Männchen in meinem Mund! Das würde ich doch merken!“ „Man merkt erst, dass sie da waren, wenn es schon zu spät ist. Dann ist ein Loch im Zahn. Das willst du nicht, glaub mir.“ Emmi setzt sich auf den Boden, die Arme verschränkt. „Es gibt keine Zahnteufel“, murmelt sie leise vor sich hin. Ihrem Papa glauben, das will sie grade nicht.

Ich denke, so ein bisschen Emmi steckt in uns allen. Sie hat schon recht – kleine Zahnteufel, so wie sie sich die vorstellt, hat sie keine im Mund. Ein bisschen Skepsis, ein bisschen Hinterfragen ist da absolut angebracht. Sie versteht nicht, was Karies ist, wie Bakterien verstoffwechseln. Sie weiß nur, dass Zähneputzen irgendwie blöd ist, und deswegen wahrscheinlich nichts bringt. Und ein bisschen Angst macht ihr die elektrische Zahnbürste, die sie eigentlich unbedingt haben wollte, mit ihrem Summen auch. Da ist es leichter, sich erst einmal zu wehren. Auch wenn die Erwachsenen es in dem Fall besser wissen.

Thomas wehrt sich auch. In erster Linie gegen den Schmerz und die Trauer. Jesus ist tot. Sie haben ihn gekreuzigt, wie einen Verbrecher. Thomas fühlt sich allein. Jesus hatte ihn immer verstanden. Jetzt ist da niemand mehr. Er will auch gerade nicht bei den anderen Jüngern sein. Er geht ziellos durch die Straßen, der Kopf hängt tief nach unten. Angst hat er auch. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er setzt sich in den Schatten einer Hauswand. Die Sonne geht schon unter. Vielleicht geht er doch besser zu den anderen. Allein sein hat auch seine Grenzen.

Als er den Raum im Obergeschoss betritt, in dem bis eben noch gegessen worden war, wundert er sich sehr. Alle sehen so fröhlich aus! So viele strahlende Gesichter! Sind sie denn gar nicht traurig? Vermissen sie Jesus schon gar nicht mehr? „Was ist hier los?“, will er wissen. Petrus antwortet ihm, mit Tränen in den Augen: „Jesus! Unser Herr! Er lebt, er war hier! Er hat zu uns gesprochen, und mit uns gegessen!“ Einen Moment lang kann Thomas gar nichts sagen. Dann fängt es an, in ihm zu arbeiten. Wollen sie ihn veralbern? Einen schrecklichen Streich spielen? Sind sie vor Trauer verrückt geworden, oder betrunken vom Wein? Er fragt einen anderen Jünger, dann noch einen. Alle behaupten das Gleiche: Jesus lebt. Er war da. Kam ins Zimmer, obwohl alle Türen und Fenster verschlossen waren. Das kann Thomas nicht glauben. Wie soll er auch? „Solange ich ihn nicht mit meinen eigenen Augen sehe, ihn, und die Male an seinen Händen und Füßen, und ihn mit meiner Hand berühren kann – solange kann ich nicht glauben, was ihr sagt.“

Thomas ärgert sich. Er ärgert sich jeden Tag über das Verhalten der anderen. Die freuen sich immer mehr, schmieden Pläne, loben Gott, erzählen von Jesus. Thomas ärgert sich eine ganze Woche lang. Da, am achten Tag, sitzen die Jünger wieder zusammen. Die Türen sind wieder fest verschlossen, aus Angst vor den Römern. Plötzlich – ein Fremder. Aber er ist ja gar nicht fremd! Er schaut Thomas an, ganz liebevoll, ganz verstehend. Er sagt: „Komm her, Thomas. Schau hier, meine Wundmale, an den Stellen, wo die Nägel saßen. Und hier, die Wunde, die der Speer des Hauptmanns hinterlassen hat.“ Da glaubt Thomas. Er glaubt alles, was ihm die anderen Jünger erzählt haben, alles, was er jemals von Jesus gehört hat. Mehr noch: Er weiß! Laut ruft er: „Mein Herr! Mein Gott!“ Und Jesus lächelt Thomas an. Er versteht, warum Thomas gezweifelt hat. Er versteht, warum er Beweise brauchte. Und trotzdem macht er Mut: „Wenn du glauben kannst, ohne zu sehen, wirst du selig sein.“

Wie schwer das ist: Glauben und Wissen miteinander zu verbinden. Wir leben in einer Zeit, in der alle zu allem eine Meinung haben. Alles wissen. Nichts glauben. Oder alles glauben. Und am Ende doch nichts wissen. Also, wie denn nun? Was ist das Beste? Was ist der richtige Weg? Wirklich wissen tue ich so wenig. Ich ahne, ich meine, ich denke. Ich weiß keine Antwort. Das ist auch schwer zu sagen: „Ich weiß darüber zu wenig.“ Ich höre den Satz immer seltener. Meistens wird er abgelöst durch „Ich habe gehört, dass…“ oder „Ich habe gelesen, dass…“ und wir schieben die Verantwortung des Wissens und Nicht-Wissens den anderen zu, falls es dann doch nicht stimmt, was wir da sagen.

„Ich weiß darüber zu wenig.“ – Ich versuche, den Satz öfter zu benutzen. Er impliziert, dass ich mehr wissen kann. Dass ich etwas dazu lernen kann. Aber wo bekomme ich mein Wissen her? Ich entscheide, wer meine Lehrer*innen sein dürfen. Ich entscheide mich für Menschen, die Ahnung haben, und Erfahrung. Für mich sind das Menschen, die geforscht haben, die erlebt haben, die auch durchlitten haben. Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen, Pflegekräfte. Oft haben diese Menschen echte Beweise: die Zahl der Erkrankten und der Verstorbenen, Forschungsergebnisse, Wirsamkeitsstudien, die Zahl der freien Intensivbetten. Ich glaube diesen Menschen, wenn sie von Krankheiten und von Heilungsprozessen berichten.
Und ich entscheide mich für Menschen, die echte Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Die in der Gemeinde Gemeinschaft erfahren, die Trost in einem Kirchenlied finden, die im Gebet bei Gott ihre Sorgen abladen können, wenigsten für den Moment. Auch das sind echte Beweise – auf ihre Art. Ich glaube diesen Menschen, wenn sie von Gnade, Liebe und Halt bei Gott berichten.

Denn es ist leicht zu sagen „Gott gibt es nicht“, wenn er mich nicht persönlich bewegt. Es ist leicht zu sagen „Corona gibt es nicht“, wenn es mich nicht persönlich krank macht. Und es ist leicht zu sagen „Zahnteufel gibt es nicht“, wenn ich selber kein Loch im Zahn habe. Aber ich kann (und muss zum Glück!) nicht jede Erfahrung selber machen, um zu verstehen, dass dahinter etwas Reales steckt. Ich vertraue auf das, was Menschen mir sagen, die mehr wissen als ich. Ich gestehe mir ein, nicht alles besser zu wissen. Ich traue mich, zu glauben. Und ich glaube, dass ich vertrauen kann. So wie Thomas Jesus vertraut. So wie Emmi am Ende doch noch ihrem Vater vertraut. Und sei es auch erst, nachdem er ihr seine Füllung im Backenzahn gezeigt hat. Manchmal helfen Beweise eben doch, wenn wir es anders nicht verstehen. Noch nicht.


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