Das unterschätzte Fest

Gedanken zum „Geburtstag der Kirche“ von Pfarrer i.R. Gerhard Hampel:

„Pfingsten ist ein unterschätztes Fest. Vom Pfingstbrauchtum ist vielleicht der Pfingstochse noch übrig geblieben. Der aber ist theologisch unbrauchbar. Er erinnert lediglich daran, daß an diesem Tag das Vieh herausgeputzt auf die Weide getrieben wurde. Das Pfingstsymbol ist die Taube. Sie verkörpert den Geist Gottes. Pfingsten als das Fest des Heiligen Geistes, so scheint es, ist nur noch etwas für Theologen. Doch das täuscht – zumal in Zeiten von Corona.

Ich kann die Pfingstgeschichte als Befreiungsgeschichte gegen das Virus, gegen das, was uns den Atem raubt, verstehen. Pfingsten spricht von göttlicher Beatmung. Wir erfahren etwas vom Geist Gottes. Die Sehnsucht nach einem Geist, der aufhilft und heilt, wächst aus der Erfahrung zerstörerischer Geistlosigkeit. Nun wissen wir auch: Der Geist weht wo er will, wie der Wind. Das griechische Wort für Geist ist „pneuma“ und bedeutet Wind oder Hauch. So lautet die Pfingstaussage: Abwesend ist Jesus und doch da, wie der Wind , der alles erfaßt und selbst verborgen bleibt. Atmen, Aufatmen, Durchatmen – darum geht es zu Pfingsten.

Über den traurigen Anhängern Jesu, die nach dessen Kreuzigung verängstigt waren, brach ein himmlisches Tosen aus, das alle Versammelten im Haus erfasste. Das geschilderte Tosen und Brausen ist die literarische Symbolik für das eigentliche Wunder. Apostelgeschichte 2: Sie wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen zu sprechen, wie der Geist ihnen eingab. Das ist das Pfingstwunder: Traurige, verängstigte Freunde Jesu, die sich verkrochen hatten, atmen auf, gehen wieder hinaus auf die Straßen Jerusalems, mischen sich in das quirlige Leben der Stadt und sprechen öffentlich. Und sie werden von allen verstanden, obwohl sie nur in ihrer eigenen Sprache sprechen. Verstörtes, kummervolles Schweigen ist beendet. Aufbruch!

Pfingsten ist wachgerüttelte Hoffnung, befreites Aufatmen, Sprachverständigung. Wenn das wieder geht, Sprachverständigung vielleicht sogar im Netz, kann das in Coronazeit ein Wunder sein. Das Virus nimmt Menschen den Atem und zwingt uns, zu Hause zu bleiben. Die Maske, die wir alle tragen, passt so gar nicht zu Pfingsten. Sie macht das Atmen noch mühsamer, sie erschwert das Sprechen und beeinträchtigt die Verständigung. Die Maske ist wichtiger Infektionsschutz, doch auch mitverantwortlich für mißlingende Kommunikation in alltäglicher Begegnung, in politischer und wissenschaftlicher Diskussion. Pfingsten zielt auf gegenseitiges Verstehen trotz unterschiedlicher Sprachen ab. Von herzlicher Vernunft getragene Gespräche sind möglich. Wo immer Menschen leben und arbeiten: Der herrschende Geist bestimmt das Klima.

Damit ist längst nicht alles über den Geist Gottes gesagt, aber ein Aspekt wird nachvollziehbar: Im Wort Heiliger Geist steckt das Wort „heil“, das heißt gesund statt krank und ganz anstatt kaputt. Wo der Heilige Geist auf Menschen wirkt, da wirkt er wie eine ansteckende Gesundheit.“


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