„Üben, üben, üben“ – Gedanken zum Sonntag

Die Online-Andacht für den 25.07.2021 kommt von Pfarrer i.R. Gerhard Hampel (Aschersleben):

Kürzlich hörte ich folgenden Musikerwitz: „Wie oft ich in der Woche übe? Aber ich kann doch meinen Kollegen nicht in den Rücken fallen!“ Wie halten wir es denn mit dem Üben? Entscheidendes lernen wir nur, indem wir es üben. Das Üben ist die Quelle des schönen Klanges in der Musik. Das Üben ist die Quelle des rechten Lebens. Wie die Musik Gedanken des Komponisten hörbar macht, so kann unser Verhalten Erfahrungen von Lebenssinn vermitteln. Bei allem, was wir tun, braucht es Hingabe.

In einem Spiegel- Interview wurde die Geigerin Anne-Sophie Mutter gefragt, wie sie den Nachwuchs junger Musikertalente einschätze.
A.S. Mutter: In Deutschland – naja. Immer öfter sind es die Osteuropäer und Asiaten, die in den Vordergrund treten, Russen, Japaner, Chinesen, Koreaner.
Frager: Welche Erklärung haben sie dafür?
A.S. Mutter: Die haben eine größere Leidensfähigkeit.
Frager: Das klingt nach Einzelhaft am Instrument. Haben sie nicht ein freundlicheres Wort?
A.S. Mutter: Nein, das gehört dazu und ist nicht negativ gemeint. Passion gehört dazu. Es gehört dazu, daß man sich fordert.
(Spiegel online vom 11.09.2005)

Die Kraft, die in der Bibel Gnade heißt, ersetzt nicht unser Üben und Arbeiten, sondern bringt es erst zur Geltung, manchmal auch zum Leuchten. Eingeübtes, erlerntes und erkanntes Wissen will umgesetzt und erlebt werden. Ich erinnere mich an Konzerte, in denen mir Musiker und Instrument als Eines erschienen, das Instrument als Teil des Körpers wirkte. Und so komme ich zur PERSON. Es arbeitet und musiziert ja nicht allein der Körper, sonder diese bestimmte Person. Das Wort Person setzt sich zusammen aus per = hindurch und sonum = Ton. Das heißt der Herkunft nach „hindurch strömen“. Sprachwissenschaftler wissen noch mehr. Sie wissen, wie es zu dieser Bedeutung kam. Das griechische pròsopon bedeutet Gesicht, Antlitz, Miene, Maske oder Rolle – auch im übertragenen Sinn etwa die soziale oder moralische Rolle, die ein Mensch einnimmt. Was uns als Person also erkennbar macht, ist das, was durch uns wirksam, sichtbar, hörbar wird. Es ist das, was durch unser Leben hindurch zum Klingen kommt. Deshalb steht am Ende nicht das Wort: „Seht, welch eine Idee!“, sondern: „Seht, welch ein Mensch!“.

Gott sucht uns, um uns zum Klingen zu bringen, wie ein Musiker sein Instrument zum Klingen bringt. Da ist nicht hier der Musiker und dort sein Instrument, nicht hier ICH und dort GOTT, sondern beides in einem. So gesehen ist die Anwesenheit Gottes in der Welt recht zerbrechlich. In der Achtung, die wir einander entgegenbringen, spiegelt sich Gottes Behutsamkeit. Mit anderen Worten: Seine Gegenwart in unserer Aufmerksamkeit, seine Gerechtigkeit in unseren Beziehungen und Kontakten, seine Wahrheit in unserem Verhalten, Seine Gnade in unserer Vergebungs-Fähigkeit, seine Heiterkeit in unserem Lachen. Es ist so, wie mit dem Musiker und seinem Instrument: Beide sind nicht jeweils zur Hälfte da. Sie sind beide ganz da. Kein Mensch käme auf den Gedanken zu sagen: Diese Hälfte des Klanges gehört zum Instrument, jene zum Musiker. Musiker und Instrument lassen sich unterscheiden – aber nicht trennen. Das Einswerden von Instrument und Musiker ist ein Bild für Einheit. Das Instrument in der Hand des Musikers – der Musiker im Klang des Instrumentes.

Zahlreiche biblische Bilder beschreiben solch eine Wechselseitigkeit als das Wesentliche des Glaubens. Das Bekannteste ist wohl das Bild vom Weinstock und den Reben, (Joh. 15, 4-5), mit dem Jesus die Beziehung zu seinen Jüngern beschreibt. Eine Rebe ohne den Weinstock bringt keine Frucht. Doch der Weinstock ohne Rebe auch nicht. Das Bewusstsein für diese Wechselwirksamkeit ist das Wesentliche eines geistlich orientierten Lebens: Bleibt in mir und ich in Euch. In den Erfahrungen des Einswerdens erfüllt sich die Bedeutung unseres Daseins. Mit dem Musiker und dem Weinstock geht etwas Größeres über das Instrument und über die Rebe hinaus – aber nicht darüber hinweg. Der Musiker bringt ohne Instrument keinen Klang hervor, der Weinstock ohne Rebe keine Frucht. Die Wechselseitigkeit ist es, die den Glauben prägt. Hier erst gewinnt der Glaube seinen Reiz und seine Lebendigkeit. Wie ein Musiker während des Spieles sich nicht vom Instrument trennen läßt, so läßt sich Gott nicht von uns trennen.

„Der Heilige, gepriesen sei er, spielt keine boshaften Spiele mit seinen Geschöpfen“, so heißt es im Talmud. Gott spielt und „komponiert“ Leben mit uns. Der Klang meines Lebens kann zur Stimme Gottes werden. Sprüche 8,30f.: „Ich war sein Liebling und spielte vor ihm allezeit, ich spielte auf seinem Erdkreis“ Der Glaube, als die zugewandte Seite dieses Spiels erinnert mich auch an F. Schiller, der über die ästhetische Erziehung des Menschen sagte: “Der Mensch spielt nur, wo er in der vollen Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Gott spielt mit mir. Die Einwilligung, die ich zu diesem Spiel gebe, heiß Glaube.

Ein Musikfreund fragte in New York einen Passanten: “Wie komme ich zur Carnegie Hall?“
Antwort: „Üben, üben, üben !“


Ein Gedanke zu “„Üben, üben, üben“ – Gedanken zum Sonntag

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    herzlichen Dank für die Andacht „üben, üben, üben“ Gedanken zum Sonntag.
    Das war so schön,das am Sonntagmorgen zu lesen. (Das Kontrastprogramm zum Predigttext 1 Kor 6, 9-14)
    Herzliche Grüße von H. Müller aus Freiberg (Sachs)

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