Zur Menschlichkeit berufen

– Eine Andacht von Pfarrer i.R. Gerhard Hampel (Aschersleben) –

„Und er, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens, und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.“ (1. Mose 2,7)

So ist der Mensch mehr als ein Klumpen aus Materie. Wissenschaft und Kunst hat er hervorgebracht. Viele Fähigkeiten sind ihm, sind uns gegeben. Wir können hoffen und lieben. Wir können leiden an Begrenzung und Endlichkeit. Wir kennen Angst und Glück, Bosheit und Schönheit. Manche wollen sich selbst verwirklichen oder zu sich und der eigenen Mitte finden. Andere fragen: Wer bin ich? Ich kann mich selbst infrage stellen, mich selbst beobachten und mir dennoch ein Rätsel bleiben. Und das uns eingehauchte menschliche Bewusstsein macht die Sache nicht einfacher.
Hauch des Lebens: WIR SIND ZUM MENSCHSEIN BERUFEN.
Das Bewusstsein, in dem ein Mensch am besten leben kann, heißt: Ich bin geliebt. Und dem zur Seite steht: Ich bin berufen. Das sind Grundworte für menschliches Leben. Entscheide ich mich aus diesen „Vorgaben“ heraus, ignoriere ich sie, entscheide ich mich für Selbstverarmung.
Diese Armut ist auch erkennbar. Die Armut an Lebenssinn braucht mehr Lebensmittel, die Armut an Gewissheit sucht mehr Sicherheit, der Mangel an Vollmacht wird zur Gier nach Macht. Die Armut an Charisma giert nach Kompetenzen. Die Armut an Anerkennung sucht den Beifall. In ständiger äußerer Suche überdehnen wir das Leben. Wer allem Äußeren zu viel Gewicht gibt, bleibt im Inneren ein Leichtgewicht. Innere Armut braucht äußeren Reichtum.
Wir sind zum Menschsein berufen. Wir sind bedürftige Menschen und wir sind einander anvertraut. Das ist eine Schwachstelle und Stärke zugleich. Wo unsere Bedürftigkeit verletzt wird, entsteht Leiden. Wir überwinden dieses Leiden nicht, indem wir die Bedürftigkeit unseres Daseins überwinden, sondern indem wir Liebende werden. In einer rabbinischen Weisheit sind Bedürftigkeit und Berufung in schlichter Kürze so zusammengefaßt: „Die materiellen Bedürfnisse deines Nächsten sind dein spirituelles Anliegen.“ Glauben bedeutet daher nicht nur, daß ich Gottvertrauen entwickle, sondern dass ich entdecke: Gott traut mir etwas Gutes zu. Es gilt also, zwei Fragen im Blick zu behalten: Worauf vertraue ich und was wird mir zugetraut ? Wer Spiritualität sucht, muss abklären, wem oder welcher Sache sein Leben dienen soll. Dabei geht es nicht um Gotteserkenntnis, die meint, Geheimnisse Gottes zu ergründen. Es geht um menschliche Demut, die sich in Anspruch nehmen läßt. Fulbert Steffensky sagt: „Spiritualität ist gebildete Aufmerksamkeit“ , – aber nicht nur für Leiden und Unglück, sie ist auch die Wahrnehmung Gottes und seines Spiels im Glück der Menschen, in der Schönheit der Natur und im Gelingen des Lebens. Wenn wir das Glück des Anderen suchen, geht unser Leben über uns selbst hinaus. Das ist die Transzendenz, zu der wir berufen sind. Musikalisch betrachtet ist das Verhältnis zu Gott wie das Verhältnis zwischen Komponist und Interpret. Der Musiker wird zum Mittler, die Komposition, die Botschaft selbst, stammt nicht vom Musiker. Wir können mit unserem Leben die Interpreten Gottes sein. Am Ende des Schöpfungswerkes, nachdem Gott alles und auch den Menschen gemacht hatte, heißt es:

„Und Gott sah an alles was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31)

Wer nun das Leben gut finden kann, wird es auch gut behandeln. Der Mut zum Guten wächst aus der bedächtigen Fähigkeit zu loben und zu staunen. Ich bin geliebt. Ich bin berufen. Vielleicht erkennen wir eines Tages , wie wir diese Zumutung und das Vertrauen erwidert haben. Wir sollten also immer wieder einmal fragen: Per sonum – was kommt durch mich zum Klingen?


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