Glaube ja, Kirche nein?

Gedanken von Pfarrer i.R. Gerhard Hampel, Aschersleben:

In kleinen zeitlichen Abständen höre oder lese ich von Leuten, auch Prominenten: „Ich bleibe ein gläubiger Mensch, aber dazu brauche ich die Kirche nicht.“ Diese Aussage steht dann im Zusammenhang mit dem Kirchenaustritt.
Eines macht diese Aussage sofort deutlich: Hier ist jemand enttäuscht worden, vielleicht sogar erschüttert. Zumindest gab es ein Ärgernis, das zum Bruch führte, jedoch nicht zum totalen Bruch – „Ich bleibe ein gläubiger Mensch“. Aber es haben sich ernste Zweifel gegenüber der Kirche eingeschlichen.
Wie körperliche Schmerzen ein Hinweis darauf sind, dass in meinem Körper etwas nicht stimmt und ich genauer auf etwas zu achten habe, so können Leiden anderer Art, auch Leiden an der Kirche, ein Hinweis sein für fehlende Stimmigkeit.

Zweifel kann durchaus weiterhelfen. Zweifel kann ein hilfreicher Lebensbegleiter sein. Zweifel macht den Glauben nicht leichter, doch er kann ihn deutlicher und wahrhaftiger machen. Im Zweifel leidet der fragende Glaube. Manchmal leidet er auch nur darunter, dass er Antworten auf Fragen bekommt, die er nicht gestellt hat.

Die Alternative zum Zweifel wäre Gleichgültigkeit. Doch Gleichgültigkeit führt nirgendwo hin, sie tötet ab.

Die Fragen, die ich habe, sind eine innere Kraft des Zweifels. In einem auf Zweifelsfreiheit bedachten Glaubensmilieu ist die Übermacht der Antworten stets größer als das Recht der Fragen. Die Antworten transportieren gern das „Richtige“, sie blasen zum Kampf – in der Regel gegen andere. Die Fragen hingegen lassen mich innehalten, bis dahin, dass ich mich selbst befrage.

Das Evangelium hält zu Streitfragen keine direkten Antworten bereit. Oft übersteigt es meinen berechnenden Verstand. Auch denke ich, dass sich die wirklichen Fragen nicht intellektuell beantworten lassen. Sie beantworten sich durch das, was ich durchlebe.

„Ich bin ein gläubiger Mensch, aber dazu brauche ich die Kirche nicht.“

Wovon trenne ich mich, wenn ich mich von der Kirche trenne? Wie weit habe ich dazugehört? Wer und was befördert meine Entscheidung? Zu den jeweils persönlichen Motiven kann ich nichts sagen. Zur Kirche möchte ich folgendes bedenken:
Wenn ich das Wort Kirche ausspreche, bin ich nie ganz eindeutig. Also, was ist Kirche? Volk Gottes? Sakralbau? Gemeinschaft der Heiligen? Leib Christi?
Der Kirchenbau lebt von der Lebendigkeit der Menschen, die sich dort versammeln, der Gemeinde. Ob das Kirchengebäude ein verständliches Zeichen des Geistes Jesu Christi ist, hängt davon ab, ob andere Menschen an denen, die dort hineingehen, etwas von dieser Geisteshaltung erkennen können. Die Kirche ist immer mehr als ein Kirchengebäude, und das Kirchengebäude ist immer mehr als das, was wir gerade wahrnehmen. Die Frage muss lauten: Ist der biblische Horizont unserer real existierenden Kirche erkennbar?

„Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam“ (Apg.2,44) Ob es je so war, wissen wir nicht. Es bleibt aber eine verpflichtende Grundidee, die zu der Frage führt: Trägt der Gedanke der Geschwisterlichkeit und der Gerechtigkeit unsere Kirche, oder haben wir ihn nur noch als Erzählung?

Das Evangelium denkt von unten. Es denkt von den Kranken her, die den Arzt brauchen, es denkt von den Armen her, die des Rechtes bedürfen. Woher denkt die Kirche? Die Kirche kann sich nicht selbst zum Maßstab ihrer Existenz machen. Sie kann den Geist der Zeit nicht zum Maßstab ihrer Arbeit machen. Der christliche Glaube lebt nicht für den Zeitgeist und schon gar nicht aus dem Zeitgeist. Ich kann ihn auch nicht erklärend oder schildernd jemandem nahe bringen. Ich kann ihn nur leben, vollziehen, etwa so wie ich ein Musikstück, eine Symphonie erlebe.

Kirche ist unzeitgemäß. Als Kirche garantieren wir nicht für uns selbst und wir gelingen nicht aus eigener Kraft. Wir müssen uns nicht selbst erfinden und wir müssen uns keinen Namen machen. Wir sind schon beim Namen gerufen. Nicht hauptsächlich die Menschen sind gut, die sich in der Kirche versammeln. Der Ort ist gut, an dem in alten Schriften gesucht wird, in alten Erinnerungen gekramt wird. Die Kirche ist gut, die die alten Bücher der stets erneuerten Hoffnung aufbewahrt und jeden Sonntag zur Sprache bringt.


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